Soll I oder soll I ned



Soll I oder soll I ned

Mein Vorgänger hat hier Halt gemacht und ist wieder abgefahren, ihm war der Gipfelhang nicht ganz geheuer. Während ich hier kurz pausierte, war es interessant die Entscheidungen der Nachfolger zu beobachten: ein älterer Herr beendete hier seinen Aufstieg, weil es ihm auch nicht ganz geheuer war und er erst am Montag eine Lawine am Gennerhorn losgetreten hatte (wie er mir erzählte und mir am Smartphone zeigte). 2 weitere Nachfolger (Bild) schienen zuerst deutlich verunsichert. Der Mann stocherte etwas ratlos in der Schneedecke herum und meinte zu seiner Begleiterin, dass eigentlich nichts passieren sollte, sie gingen ein paar Meter weiter, blieben verunsichert wieder stehen und er wiederholte seine Stocheruntersuchungen mit dem Skistock. Man konnte gut seinen Kampf mit dem inneren Schweinehund verfolgen. Ich habe mir das eine Zeit lang angesehen, holte dann meine Schaufel heraus und grub einige Meter weiter oben ein primitives Schneeprofil: Ergebnis: die oberste ca. 30cm starke, gut gesetzte Schneedecke war sehr gut mit der darunterliegenden kompakten Schneedecke verbunden; auf mind. 50cm keine Schwachschicht. Ermutigt bzw. in ihrem Gefühl bestätigt setzten die beiden Tourengeher  beruhigter ihren Aufstieg fort. Da sieht man mal, was man in 5 Minuten ausrichten kann.

Es ist schon erstaunlich auf welcher Faktenbasis Entscheidungen getroffen werden. Ich war über die Entscheidung meines Vorgängers zu stoppen etwas überrascht, er hatte bis hier her eine profimäßige Aufstiegsspur gezogen und das noch mit hohem Tempo. Seine Entscheidung umzukehren, begründete er auch mit fehlenden Infos über die derzeitige Lawinenlage (der Lagebericht wurde ja bereits eingestellt). Trotzdem fand ich seine Entscheidung ehrlich und konsequent, wenn auch ein bisserl spät, denn die Querung unterm Reiforn ist ja lawinentechnisch auch nicht ganz ohne.

Die Entscheidungsfindung der beiden Nachfolger ist wohl die am häufigsten anzutreffende. Die vmtl. rel. erfahrenen Tourengeher hatten schon ein Gefühl, dass der Schnee ziemlich sicher zu sein schien. Weil jedoch ab hier noch keiner weitergegangen war, aus welchen Gründen auch immer, waren sie doch verunsichert. Die Lösung wurde in Form einer oberflächlichen Beurteilung der Schneedecke gesucht: man sinkt nur wenig ein, der Schnee ist ja kompakt ... Ganz wohl schien ihnen dabei nicht gewesen zu sein.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum man eigentlich so selten Spuren eines gegrabenen Schneeprofiles antrifft. Es dürfte in so einem Fall die wohl sicherste Methode sein, sich einen Einblick in die Schneedecke zu verschaffen und daraufhin eine faktenbasierte Entscheidung zu treffen. Aber ich glaube auch zu wissen, warum das so ist: der Mensch ist von Natur aus ein fauler Hund ;-). Die Lawinenschaufel ist tief im Rucksack vergraben, "de tu ich jetzt ned aussa und machs dreckig, dann werd ja beim Einpacken im Rucksack olles nass, und des mog I glei gor ned. Außerdem hob I heid koa Zeit für Grabungen, I bin doch ned Mitarbeita vom LWZ, oda ?"

 

 

 

 

 

Autor: Klaus Einmayr
Datum: 11.05.2019
Kategorie: Lawinen
Gebiet: Loferer Steinberge
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