Skiwanderung im Großarltal



So wie Stefan Seidl neulich hier bei „Auf Touren“ geschrieben hat (7.2.2010), ist man dieser Tage nicht sicher, ob man überhaupt erzählen soll, dass man im freien Gelände unterwegs war. Wir zählen uns aber zum altmodischen Typus “Skibergsteiger“, haben eine den Verhältnissen angepasste Tour (unter 30° und abschätzbares Einzugsgebiet) gewählt und waren nicht auf der Suche nach dem ultimativen Powderkick, sondern wollten die Ruhe und die Schönheit der Berge genießen und in Demut Energie tanken. Klingt pathetisch, ist es auch. ;-) Zur Risikogruppe der letzten Woche zählen wir uns nicht, aber dazu ein paar Gedanken weiter unten!
SCHNEEDECKENAUFBAU SEHR UNGÜNSTIG! Den Lagebericht auf der LWZ fanden wir im Gelände wieder einmal bestätigt. Alle Warnungen haben Berechtigung!
Schneeverhältnisse: 20cm lockerer Neuschnee vom letzten Wochenende auf einer kompakten, windbeeinflussten Schneeschicht (vor 2 Wochen) und darunter die aufbauend umgewandelte, grundlose Altschneeschicht, die von allein rausrieselt, wenn man ein Profil gräbt (siehe Fotos). Vor allem in den Ostsektoren (NO-SO) konnten wir zahlreiche Selbstauslösungen der letzten Tage beobachten.
Neigungen > 30° würden wir übereinstimmend meiden!
Das Wetter war traumhaft. Start noch bei -12°C, aber im Tagesverlauf sehr angenehm und ohne Wind. Am Nachmittag wie angekündigt hohe Schleierwolken von Südwesten.


Gedanken von einem langen Skispaziergang zur Risikogruppe der letzten Woche: Bei den tragischen Lawinentoten der letzten Woche hat es sich hauptsächlich um Variantenfahrer/Freerider gehandelt. Als Skibergsteiger vom klassischen Typus wird man von einem medial einseitig informierten Teil der Bevölkerung leicht aufgrund der Gemeinsamkeit, dass man sich im freien Gelände bewegt, in einem Atemzug als verantwortungsloser Selbstmörder identifiziert (siehe Kommentar Alois Herzig, http://touren.lawinen.at/tour/index2.php?id=8963) Ich will keine Verantwortlichen suchen, keine Schuldigen nennen, sondern laut über ein paar Gegebenheiten nachdenken, die selten erwähnt werden. Man müsste vielleicht auch einmal nachdenken über die Auswirkungen von großflächigen Bildschirmen in Sportgeschäften und Einkaufszentren, wo Videos von atemberaubenden Freeride-Szenen gezeigt werden. Meist bleibt dabei aber unerwähnt, dass sich die Profis lange Zeit vorbereiten und diese Filme darüber hinaus oft in Nordamerika gedreht werden, wo die Schneeverhältnisse andere sind als in den Alpen. Gezeigt werden außerdem nur jene, wo die Akteure überlebt haben und nicht jene, die tödlich oder mit schweren Verletzungen endeten. Klar, mit Lawinentoten lässt sich keine Ausrüstung verkaufen. Wie aber kommt man mit der Information, dass Lawinengefahr gleich Lebensgefahr ist, an die Risikogruppe? Oftmals junge Männer (Beispiel Werfenweng), die sich möglicherweise aufgrund einer Testosteronüberdosis unverwundbar wähnen, unter gehörigem Druck stehen und auf der Suche nach dem Kick sind? Muss die EU irgendwann ähnlich den Zigarettenpackungen eine Aufschrift „Freeriden kann tödlich sein“ auf Skiern verordnen? Könnte die Auffahrt in den Gondeln nicht nur für den physischen Transport sondern auch für jenen von Information genutzt werden? Sollten auf den Lawinenwarnschildern Bilder von Lawinentoten angebracht werden? Müssen Absperrbänder durch Stacheldraht ersetzt werden? Sollte spezielle Freeridestrecken ausgewiesen werden? Schwer zu sagen. Ein gewisser Teil wird vermutlich auch einfach resistent gegen Aufklärung und Warnung bleiben. Diese werden ähnlich der Verkehrsstatistik die gefährlichen Jahre Anfang bis Mitte 20 nur mit Glück unbeschadet überleben. Der momentan werbetechnisch verbreitete Kult um die Trendsportart „Freeride“ und die aktuelle Lawinensituation sind meiner Meinung nach im wahrsten Sinne des Wortes eine tödliche Kombination. Da aufgrund der oftmals undifferenzierten medialen Berichterstattung auch das klassische Skibergsteigen einen Imageschaden erleidet, dachte ich, dass diese Gedanken Platz auf dieser Seite haben. Sollte ich dabei zu viele bekannte Eulen nach Athen getragen haben, möge man mir dies nachsehen. Ich wünsche an dieser Stelle allen, die bisher gelesen haben, eine schöne und unfallfreie Resttourensaison.
Autor: Martin Luger
Datum: 09.02.2010
Saison: 09/10
Gebiet: Großarl

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Martin Luger12.02.2010
Liebe Freunde der Berge!

Danke für eure Beiträge. Ich möchte klarstellen, dass ich keinesfalls alle Freerider über einen Kamm scheren wollte. Es verhält sich bei den Freeridern vermutlich ähnlich wie bei den Tourengehern. Es gibt jeweils einen Anteil, der seiner Leidenschaft besonnen, verantwortungsbewusst, gut vorbereitet und gut ausgerüstet nachgeht. Ich kenne selber einen Freerider, der dieser Gruppe zuzuordnen ist. Aber leider gibt es hier wie dort auch einen anderen, naiv nachahmenden, ignorant besserwisserischen oder einfach sich selbstüberschätzenden Kreis von Personen, der sich leichtfertig in Gefahr bringt und Lawinen auslöst. Betroffen von den Auswirkungen der anschließenden medialen Berichterstattung und der folgenden Kriminalisierung der Bewegung abseits der Pisten durch einen uninformierten Teil der Bevölkerung sind dann aber wir alle. Deshalb hab ich darüber nachgedacht, wie man die Botschaft „Lawinengefahr ist Lebensgefahr“ an den zu adressierenden Kreis bringt. Vielleicht sollte ich im Sinne von Josef Schiefer mit meinen Gedanken die Kirche verlassen und in Form eines Leserbriefes an eine Tageszeitung ins Wirtshaus gehen, um einen größeren Leserkreis zu erreichen. ;-) Jedoch gibt es auch auf dieser Seite immer wieder Beispiele, dass möglicherweise „Glück gehabt“ mit „richtig eingeschätzt“ verwechselt wird. Wird parallel grad heftig diskutiert (Gr. Höllkogel). Ich denke, die Breite der Bretteln, mit denen jemand durch den Schnee pflügt, ist sekundär. Wichtig ist es, die Unwissenden, die Leichtfertigen und die Supermänner zu erreichen und über die Folgen ihrer Aktivitäten aufzuklären. Jeder Lawinentote ist einer zuviel! Richtig spannend wird ja es erst, wenn die Seilbahnwirtschaft die Masse der Pistengeher vom Pistenrand ins freie Gelände drängt......

Heini Lechner zu Pulvergenuss12.02.2010
Liebe Kollegen, ich teile grundsätzlich eure Einstellung zum Thema Skibergsteigen - ich zähle mich ganz sicher nicht zur Kategorie "Freerider" sondern gehe im Winter so wie im Sommer in die Berge und freue mich, wenn die Verhältnisse eine schöne Abfahrt erlauben. Ich möchte hier auch keine Lanze brechen aber ich will aber einladen, auf http://www.alpinesicherheit.at/alpinunfall/ die Lawinenstatistiken der letzten Jahre hinsichtlich Zielgruppe (Tour/Variante) zu studieren und zu vergleichen.
Aus meiner subjektiven Erfahrung als Bergführer, Kursleiter und seit  ca. 20 Jahren in der Berg- und Skisportindustrie Tätiger wage ich die (rein hypothetische und vielleicht provokante) Behauptung in den Raum zu stellen, dass sog. Freerider sich, gemessen an der Anzahl der Ausübenden, ebenso gut, wenn nicht besser interessieren, ausbilden, ausrüsten und informieren wie die vergleichbare Masse der Skitourengeher! Die Teilnehmer in diesem Forum repräsentieren leider nur eine kleine, feine Gruppe dieser Masse.
Andreas Seidl11.02.2010
Hallo Martin

Auch ich bin ein leidenschaftlicher Schibergsteiger der auch die Landschaft und das Gelände sieht, so möchte ich deine Ausführungen ergänzen und zwar bez. Freerider, ich beobachte auch dass dieser Typus meist nicht wie unsereins (nach Erkunden der örtlichen Lawinensituation und Wetterbedingungen)bereits beim Hochspuren das Gelände und die Schneebeschaffenheit erfasst um etwaige Situationen besser zuordnen können, sondern einfach irgendwo, weil "geil" und "cool" in ein unbekanntes Gelände einfahren und damit manchmal Katastrophen auslösen welche auch tödlich enden können

dir wünsch ich BERG HEIL
Josef Brandauer11.02.2010
Servus Martin!

Du führst die Gedanken, welche sich auch Sepp Schiefer in seinem Bericht
(siehe http://touren.lawinen.at/tour/index2.php?id=8950) gemacht hat, weiter.
Wir müssen akzeptieren, dass für die von dir angesprochene Freizeitindustrie die verkauften Mengen und nicht – so tragisch das klingt – Lawinenunfälle ausschlaggebend sind. Um diese Mengen zu erreichen, benötigt man Werbung und hier ist fast jedes Mittel recht, um zum gewünschten Erfolg zu kommen.
Man muss aber auch bedenken, dass wir in einer (Gott sei Dank) freien Gesellschaft leben und jeder gefordert ist, sein Hirn einzuschalten.
Was können wir tun? Ich bin mir sicher, dass wir durch unsere Berichte – versehen mit entsprechenden Informationen – einen ganz kleinen Beitrag dazu leisten können, Lawinenunfälle
zu verhindern. Deshalb soll man auch in kritischen Perioden entsprechende Touren ins Netz stellen.
Es gibt viele Tourengeher/Innen, welche gerade in dieser Zeit nach Informationen suchen.
Jene Gruppe zu erreichen, welche ohne Eigenverantwortung unterwegs ist, wird schwierig sein; hier fallen mir auch spontan keine wirklich guten Vorschläge ein. Vielleicht aber gibt es im Forum Ideen die es Wert sind, aufgegriffen zu werden.
Nachdem ich deinen Bericht gerne bis zum Ende gelesen habe, wünsche auch ich dir schöne und vor allem unfallfreie Touren!

LG
Pep Brandauer