Tödliche Spontanlawine Schober-Lahngang (Abtenau), 05.01.2019

Am 5. Jänner 2019 bricht ein junges Salzburger Jägerpärchen mit Schneeschuhen auf, um bei der Wildfütterung in der Nähe der Schindlmaisalm (899m) nach dem Rechten zu sehen. Ihr Weg führt sie im Talboden am orographisch rechten Rand, im unteren Bereich der Felder, taleinwärts. Sie befinden sich gerade im Auslaufbereich des sog. Lahngangs, als rund 1000 Höhenmeter über ihnen eine spontane Lawine - mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Schneebrett - abbricht. Die Lawine entwickelt Staubanteil und stößt bis in den Talboden vor, erfasst die beiden Jäger und schleudert sie in das ausgetrocknete Bachbett und auf den Gegenhang. Noch am Abend desselben Tages bricht ein Suchtrupp der Bergrettung Abtenau zu einem Sucheinsatz auf. Aufgrund der widrigen äußeren Bedingungen und ohne erkennbare Spuren bleibt die Suche jedoch erfolglos, die Jäger waren ohne Lawinenausrüstung unterwegs. Erst am 7.1. können die beiden von der Bergrettung (Abtenau und Annaberg) 20 m voneinander entfernt im Graben geortet und aus einer Tiefe von 2,5 bzw. 3m aus dem Lawinenkegel geborgen werden.

 

Hintergrundinformation:

Der Schober ist dem Tennengebirge östlich vorgelagert und besitzt einen Doppelgipfel mit 1810m und 1791m. Vom ca. 600 m langen Grat zwischen den beiden Gipfeln zieht südostseitig eine ca 40 Grad steile Flanke hinunter, die auf einer Höhe von ca. 1500m einen ca. 100m hohen Felsgürtel aufweist. Darunter führt ein ausgeprägter Lahngang, der auch in Karten so bezeichnet ist, ins Tal bis zu den flachen Feldern der beiden Quehenbergbauern. Das ergibt eine Lawinenlänge von ca. 1,7 km. Die typische Breite im Anrissgebiet beträgt ca. 600m, im Auslaufbereich 300 – 400 m.

 

Lawinentyp: Schneebrett, trocken
Anriss Seehöhe: ca. 1750 m (Annahme)
Anrissmächtigkeit: unbekannt
Anrissbreite: ca. 600 m (Annahme)
Länge: ca. 1700 m (Annahme)
Steilheit: ca. 40 Grad
Exposition: Südost
Bruchfläche: unbekannt
Lawinengröße: 4 - sehr große Lawine

 

Lawinenproblem: TRIEBSCHNEE auf lockere Unterlage

Der Unfall ereignete sich im ersten Drittel der Starkschneefallphase von Anfang Jänner. Neu- und Triebschnee vom Unfalltag kamen auf die sehr kalte und lockere Unterlage der Vortage zu liegen. Vermutlich erfolgte der Bruch auf dieser weichen Unterlage, möglicherweise wurden aber auch tiefere Schichten beim Abgang mitgerissen. Der genaue Unglückszeitpunkt ist nicht bekannt. Die Wetterdaten legen nahe, dass die Lawine in der Phase sehr starken Schneefalls bei gleichzeitiger Frostabschwächung am Nachmittag des 5.1.2019 abgegangen ist. Schneedeckenuntersuchungen aus diesem Bereich am oder um den Unfalltag gibt es aufgrund der äußerst brisanten Lawinensituation nicht.


Details aus dem Lawinenlagebericht vom 05.01.2019:
Gefahrenstufe Nordalpen: Groß (4, im oberen Bereich der Stufe)
Besonders gefährdete Expositionen: alle
Besonders gefährdeter Höhenbereich: alle
Beschreibung der Lawinensituation: GROßE Gefahr, zahlreiche große spontane Lawinen
http://www.lawine.salzburg.at/lageberichte/lb_2019-01-05_2.html?lang=de_GE

 

Beschreibung der Lawinensituation im LLB:  Eine Stufe 4, die in den Nordalpen in den oberen Bereich der Bandbreite kommt. [...] Am Nachmittag, Abend und in der Nacht sind zahlreiche mittlere und große Lawinen zu erwarten, in den niederschlagsreichsten Zonen sind auch sehr große Lawinen möglich. [...] Durch den möglichen Staubanteil sind auch größere Reichweiten möglich. Skitouren und Variantenfahrten sind nicht sinnvoll (enorme Einsinktiefen, keine Sicht) und gefährlich. Die Störanfälligkeit ist überall im stärker geneigten Gelände hoch (Setzungsgeräusche, Risse, Fernauslösungen).

 

WAS KANN JEDER MITNEHMEN und LERNEN:

- Der Unfall ist deshalb besonders tragisch, da die Durchquerung des Gefährdungsbereichs im Talboden nur etwa 10 Minuten dauert. Das verunfallte Paar hat die Lawine nicht ausgelöst, sondern war schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Ort.

- Die Stufe 4 - "große Lawinengefahr" - ist in vielen Fällen geknüpft an zahlreiche große und auch sehr große Spontanlawinen, die auch in Bereiche vorstoßen können, die nur selten von Lawinen betroffen sind. Am Unfalltag wurde vor derartigen Lawinen explizit gewarnt. Um in solchen Situationen im freien Gelände noch sicher unterwegs sein zu können, ist neben großer Erfahrung auch eine genaue Geländekenntnis notwendig, da auch aus weit entfernten und nicht einsehbaren Lawineneinzugsgebieten Gefahr drohen kann.

- Nicht nur Tourengeher und Variantenfahrer (und -innen) bewegen sich in Lawinengelände. Auch Jäger sind im Winter dieser Gefahr besonders ausgesetzt und sollten sich deshalb genauso wie Freizeitsportler von den Lawinenwarnungen angesprochen fühlen. Wir wissen nicht, ob sich das Pärchen vor dem Aufbruch mit der Lawinenlage auseinandergesetzt hat; Dass sie ohne Standard-Notfallausrüstung unterwegs waren, könnte ein Zeichen sein, dass sie sich der Gefährdung nicht bewusst waren.


Analyse: LWD Salzburg, Hintergrundinfo: BR Abtenau und Annaberg

Autor: Michael Butschek
Datum: 05.01.2019
Saison: 18/19
Gebiet: Nordalpen