Lawinenunfall Kl. Bratschenkopf (Hochkönig), 03.04.2018

Eine Gruppe von vier einheimischen Tourengehern steigt am Morgen des 3. April 2018 auf den Kleinen Bratschenkopf auf. Das ursprüngliche Tourenziel - am Normalweg auf den Hochkönig - wurde im Anstieg verworfen. Die Abfahrt erfolgt nicht über die Aufstiegsroute, sondern durch eine von extrem steilen Geländeübergängen unterbrochene nordostseitige Mulde zwischen dem Kleinen Bratschenkopf und dem Königsköpfl. Die bestens ausgerüsteten Tourengeher fahren mit Abständen in den Hang ein. Dabei löst sich bei der Abfahrt des dritten Wintersportlers ein rund 150 m breites und 300 m langes Schneebrett und reißt die drei Wintersportler mit. Eine Person wird total (ein Körperteil ragt noch aus dem Schnee), eine teilweise (bis zur Hüfte) verschüttet. Der dritte Alpinist kann an der Oberfläche der Lawine bleiben, der vierte befindet sich zum Zeitpuinkt des Abgangs oberhalb des Schneebrettamrisses und setzt einen Notruf ab. Die beiden nicht verschütteten Personen können ihre Kollegen rasch orten und bergen. Ein Tourengeher wird vom Notarzthubschrauber ins Krankenhaus geflogen, die anderen drei Personen bleiben unverletzt und werden vom Hubschrauber des BMI ins Tal geflogen.

 

Die Tage vor dem Unfall waren vor allem von starkem Windeinfluss geprägt: am Karfreitag (30.3.) wehte stürmischer Südföhn und ließ die Frostgrenze vorübergehend in Höhen um 2400 m ansteigen.  Am Karsamstag fielen bei vorübergehend schwächerem Wind einige Zentimeter Neuschnee, die am Ostersonntag (1.4.) und Ostermontag (2.4.) von phasenweise stürmischem Westwind verfrachtet wurden. In dieser Phase wurde der Unfallbereich mit Triebschnee vom Hochplateau am Hochkönig angefüllt. Die Tatsache, dass bereits drei Wintersportler zum Auslösezeitpunkt in den Hang eingefahren waren, deutet darauf hin, dass der Initialbruch an einer besonders ungünstigen Stelle im Hang erfolgt ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei um eine Stelle, an der der Triebschnee eine geringere Mächtigkeit aufwies (Übergang von wenig zu viel Schnee - oder umgekehrt).

 

Lawinentyp: Schneebrett, trocken
Anriss Seehöhe: ca. 2500 m
Anrissmächtigkeit: 40 cm (Einfahrtsbereich) bis 120 cm
Anrissbreite: ca. 150 m
Länge: ca. 300 m
Steilheit: bis 45 Grad
Exposition: Nordost
Bruchfläche: überwehter lockerer Schnee
Lawinengröße: 2 - mittlere Lawine

 

Lawinenproblem: TRIEBSCHNEEPROBLEM

Der Initialbruch erfolgte mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb des frischen Triebschnees, der am Unfalltag mit Südföhn bzw. an den Vortagen mit stürmischem Westwind in die Geländekammer eingeweht  wurde. Im Zuge des Abgangs wurden auch tiefer liegende Schwachschichten unter dem Harschdeckel aus der Föhnphase am Karfreitag angesprochen.


Details aus dem Lawinenlagebericht vom 03.04.2018:
Gefahrenstufe Nordalpen: Erheblich (3)
Besonders gefährdete Expositionen: NW über N bis O
Besonders gefährdeter Höhenbereich: > 2200 m
Beschreibung der Lawinensituation: Triebschneesituation, kein Tagesgang
http://www.lawine.salzburg.at/lageberichte/lb_2018-04-03.html?lang=de_GE&date=03.04.2018&dateday=03&datemonth=4&dateyear=2018

 

Beschreibung der Lawinensituation im LLB:  Die Lawinengefahr ist ab ca. 2200m ERHEBLICH, darunter MÄßIG. Im Nordsektor und in Rinnen und Mulden sorgen frische Einwehungen ab etwa 2200 m für ein erhebliches Triebschneeproblem... Der Triebschnee ist meist kammnah, in den Tauern auch kammfern anzutreffen und teils bereits durch das Gewicht eines einzelnen Wintersportler auslösbar - am leichtesten am Übergang von wenig zu mehr Schnee und bei der Einfahrt in Rinnen und Mulden …

 

WAS KANN JEDER MITNEHMEN und LERNEN:

- Frisch gebildeter Triebschnee zählt zu den häufigsten Auslöseursachen von Schifahrerlawinen. Die Kombination mit starker Erwärmung, wie hier in der Phase mit Südföhn, erhöht die Störanfälligkeit vorübergehend nochmals. In einer Situation mit starkem Windeinfluss ist eine defensive Spuranlage und Wahl der Abfahrtsroute besonders wichtig.

- Erfolgt die Abfahrt nicht entlang der Aufstiegsroute, können Gefahrenzeichen, die allenfalls beim Aufstieg wahrgenommen hätten werden können (z.B. Wummgeräusche), nicht in das Risikomanagement einbezogen werden.

- Das Zurückbleiben des vierten Alpinisten, hat verhindert, dass die gesamte Gruppe von der Lawine erfasst wurde. So war das Absetzen eines Notrufs bzw. eine rasche Kameradenrettung möglich. Der Unfall zeigt, wie wichtig das Abfahren mit Abständen bzw. das Einzelfahren werden kann.

 

Detail am Rande: in diesem Hang ereignete sich am 12.4.2002 ein "Beinahe-Unfall". Der erste Abfahrer einer mehrköpfigen Gruppe konnte unmittlebar nach der Auslösung noch rechtzeitig aus dem Schneebrett ausfahren und blieb unverletzt.

 


Infos zu Hergang und Fotos: BMI AEG Pongau J. Oppeneiger, Libelle Salzburg, Analyse LWD Salzburg

Autor: Michael Butschek
Datum: 03.04.2018
Saison: 17/18
Gebiet: Hochkönig