Lawinenunfall Werfener Hütte, 24.01.2018

Zwei Tourengeher steigen am Morgen des 24.1.2018 voneinander unabhängig über die Ellmaualm zur Werfener Hütte (1967 m) auf. Während der erste Tourengeher ohne Vorfall abfährt, löst der zweite, etwas später und wenige Meter weiter östlich abfahrende Wintersportler, ein 28-jähriger Einheimischer, ein geringmächtiges Schneebrett aus, das ihn über eine Steilstufe rund 140 Höhenmeter mitreißt, jedoch nur teilweise verschüttet. Er wird nach ersten Informationen nicht verletzt, verliert beim Abgang jedoch seine Schier und muss vom Rettungshubschrauber geborgen werden. Die Standard-Notfallausrüstung (LVS-Gerät, Schaufel, Sonde) wurde nicht mitgeführt.

 

Die Lawine ist ein trockenes Schneebrett. Es wurde im Anrissbereich keine Schneedeckenuntersuchung durchgeführt, weshalb die Auslöseursache nur vermutet werden kann: Mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgte der Initialbruch auf einer dünnen Reifschicht (extrem glatte Bruchfläche), die sich in der Nacht von Sonntag auf Montag (20. auf 21.1.) auf der Schneeoberfläche gebildet und in der Folge vom Neuschnee einer Warmfront am 21./22.1. überschneit bzw. mit Nordwestwind überweht wurde. Die geringe Anrissmächtigkeit deutet auf erheblichen Windeinfluss in diesem Bereich hin - in vielen windgeschützten Bereichen wurde die Reifschicht mit 20/30 cm Neuschnee überdeckt, der durch die nachfolgende Wärme bis zum Unfallzeitpunkt bereits deutlich gesetzt bzw. gebunden war.

 

Im Rahmen einer Befliegung mit dem Hubschrauber des Innenministeriums (Besatzung H. Strimitzer, H. Wass), im Zuge derer auch die Fotos der Unfalllawine entstanden, konnten zahlreiche kleine und mittlere Selbstauslösungen im Bereich der Nordalpen auf dieser Schwachschicht festgestellt werden.

 

Lawinentyp: Schneebrett, trocken

Anriss Seehöhe: ca. 1900 m
Anrissmächtigkeit: max. 30 cm
Anrissbreite: ca. 30 m
Länge: ca. 300 m
Steilheit beim Anriss: ca. 40 Grad
Exposition: Süd
Bruch: Triebschnee auf Reifschicht
Lawinengröße: 2-3 (kleine bis mittlere Lawine)


Lawinenproblem: TRIEBSCHNEEPROBLEM


Details aus dem Lawinenlagebericht vom 24.01.2018:
Gefahrenstufe Nordalpen: Erheblich (3)
Besonders gefährdete Expositionen: N-O-S
Besonders gefährdeter Höhenbereich: > 1600 m
Beschreibung der Lawinensituation: Triebschneesituation, kein Tagesgang
http://www.lawine.salzburg.at/lageberichte/lb_2018-01-24_2.html?lang=de_GE


Beschreibung der Lawinensituation im LLB: "Im Höhenbereich unter 1500/1800 m ist die Lawinengefahr MÄSSIG (2). Vom Waldrand aufwärts ist sie verbreitet ERHEBLICH (3). „Erheblich“ bedeutet: Vorsichtige Routenwahl, defensives Verhalten. Erfahrung ist wichtig! Trockene Schneebretter sind im sehr steilen Gelände auslösbar. Meist reicht bereits der Impuls eines Skifahrers. Betroffen ist vor allem kammfernes Gelände im Höhenbereich 1600 bis 2200 m, dort wurde zuletzt eine dünne Reifschicht mit 15 bis 25 cm eingeschneit. Expositionen sind schwer eingrenzbar, vermehrt aber frischer Triebschnee in den Richtungen N-O-S. ..."


WAS KANN JEDER MITNEHMEN und LERNEN: (1) Eingeschneiter Oberflächenreif ist besonders störanfällig, insbesondere, wenn die überlagernde Schicht nur dünn ist. Auf einer derartigen Schicht können Auslösungen auch bei deutlich geringerer Hangneigung als im gegenständlichen Fall erfolgen. (2) Auch geringmächtige Schneebretter können verschütten, bedeuten aber insbesondere auch ein hohes Absturzrisiko. Die Geländeform wird bei solchen Auslösungen oft zum überlebensentscheidenden Faktor.


Infos / Fotos: J. Oppeneiger (AEG) / M. Butschek (LWD Sbg)

 

Autor: Michael Butschek
Datum: 24.01.2018
Saison: 17/18
Gebiet: Tennengebirge