Lawinenunfall Zehnerkar, 29.12.2017 (Obertauern)

Eine Gruppe von 5 Freeridern verlässt am frühen Nachmittag des 29.12.2017 den gesicherten Schiraum und steigt von der Bergstation der Zehnerkarseilbahn Richtung Gamspitzl auf, um in eine selten befahrene Variante, eine steile NW-exponierte Rinne Richtung Wildsee, einzufahren. Die Schifahrer führen die komplette Notfallausrüstung inkl. Lawinenairbagsystem mit sich, der Griff der Auslöseeinheit ist jedoch mittels Klettverschluss gesichert. Zwei Männer befinden sich bereits in der Rinne, als sich gegen 13:35 bei der Einfahrt des dritten Freeriders ein Schneebrett löst, das die beiden mitreißt. Ein Mann wird teilverschüttet (Kopf frei), der zweite total verschüttet. Er wird von seinen nachfolgenden Kameraden binnen 15 Minuten mittels LVS geortet und ausgegraben. Gleichzeitig läuft auch sehr rasch die Rettungskette an, der Hubschrauber des BMI operiert in der Nähe und trifft kurz nach dem Ausgraben des Verschütteten schon an der Lawine ein.

 

Zum Zeitpunkt des Unfalls herrscht sonniges, aber sehr windiges Wetter, die Sicht ist sehr gut. Die Einfahrt in die Rinne ist extrem steil und ausgezeichneten Schifahrern vorbehalten. Die Schifahrer bringen diese Fähigkeit sowie gute Ortskenntnis mit. Primär ausgelöst wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit frischer, sprüder Triebschnee, der zur Wochenmitte zunächst durch Südföhn, am Vortag dann durch kräftigen Nordwestwind bei kälteren Temperaturen in der Rinne abgelagert wurde. Der Bruch dürfte zwischen den Triebschneeschichten bzw. an der Grenze zur Alschneeunterlage erfolgt sein.

 

 

Lawinentyp: Schneebrett, trocken
Anriss Seehöhe: ca. 2300 m
Anrissmächtigkeit: 20 bis 50 cm (geschätzt)
Anrissbreite: geschätzt ca. 20 (Rinne) bis 100 m (Auslaufbereich)
Länge: ca 300 m
Steilheit beim Anriss: ca. 45 Grad
Exposition: NW
Bruch: frischer Triebschnee
Lawinengröße: 2 (mittlere Lawine)


Lawinenproblem: TRIEBSCHNEEPROBLEM

 
Details aus dem Lawinenlagebericht vom 29.12.2017:

Gefahrenstufe Niedere Tauern: Erheblich (3)
Besonders gefährdete Expositionen: alle Richtungen
Besondes gefährdeter Höhenbereich: > 1800 m
Beschreibung der Lawinensituation: Triebschneesituation
kein Tagesgang
http://www.lawine.salzburg.at/lageberichte/lb_2017-12-29_5.html?lang=de_GE


Beschreibung der Lawinensituation im LLB: "Leicht auslösbarer Triebschnee"

"Die Lawinengefahr ist von der Waldgrenze aufwärts ERHEBLICH (3). Frische Gefahrenstellen befinden sich vor allem kammnah im Ost- und Südsektor sowie in steilen Rinnen und Mulden aller Expositionen, in den hohen/hochalpinen Lagen der Tauern und Nordalpen auch hinter kammfernen Geländekanten im Nordsektor. Eine Schneebrettauslösung ist bereits durch das Gewicht eines einzelnen Wintersportlers möglich. Die Gefahrenstellen sind zum Teil durch Neuschnee überdeckt und somit nicht mehr erkennbar."

 

WAS KANN JEDER MITNEHMEN und LERNEN: (1) Die Freerider waren offensichtich vertraut mit dem Umgang mit dem LVS - das Finden und Freilegen des Verschütteten konnte daher rasch erfolgen. (2) Ein mitgeführter Airbag kann nur dann im Ernstfall seine Funktion erfüllen, wenn der Auslösegriff frei und nicht gesichert ist. Auch der Umgang mit dem Airbagrucksack muss geübt werden. (3) Kammnahe Einfahrten in Steilrinnen bzw. die Rinnen selbst sind bevorzugte Bereiche, wo Triebschnee abgelagert wird und daher besonders gefährdet. (4) Die Drehleuchten in Schigebieten sind Hinweise auf akute Gefährdung und sollten auch als solche wahrgenommen werden.


Infos und Fotos: AEG Lungau (Hauer) und FEST Salzburg (Pritz, Schlick), LWD Sbg (Butschek), LWK Obertauern (Aubrunner)

Autor: Michael Butschek
Datum: 29.12.2017
Saison: 17/18
Gebiet: Niedere Tauern